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Existenzgründungen – Zugang zu Bankkrediten und Beratungsqualität. Empirische Studie des IFF im Auftrag des STERN (September 1998)
Zusammenfassung
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Schätzungsweise 95 Prozent aller Existenzgründungen in Deutschland geschehen fremdfinanziert. Gleichzeitig werden in jungen Unternehmen weit
überdurchschnittlich viele Arbeitsplätze geschaffen. Damit kommt den Kreditinstituten eine herausragende Verantwortlichkeit zu, denn ihre Kompetenz und ihr Verhalten sind
entscheidend für diesen volkswirtschaftlich wie politisch sensiblen Bereich. Es stellt sich die Frage, ob die Kreditinstitute den an sie gestellten Ansprüchen gerecht werden oder
eher die Klischees bedienen, wie sie in der öffentlichen Diskussion vorherrschen ("Banken vergeben keine Kleinkredite an Existenzgründer", "Banken gehen nie ins Risiko" oder "Banken
geben keine Fördermittel weiter"). Das IFF ist diesen Fragen in der vorliegenden Untersuchung – der ersten ihrer Art - empirisch nachgegangen.
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Das Problem dieses Vorhabens besteht darin, daß die komplexe und höchst individualistische Materie Existenzgründungsberatung für einen
Test schwer zu operationalisieren ist. Dies wurde dadurch gelöst, daß 1. tatsächlich gegründete Unternehmen die Ausgangsbasis für die Konstruktion der
Musterfälle darstellen und auf dieser Basis hochwertige Geschäftspläne für die Kreditantragstellung entwickelt wurden, 2. die Tester so ausgewählt und geschult wurden,
daß sie die Originalgründer und ihre Geschäftsidee kompetent vertreten konnten und 3. die Fälle so spezifisch konstruiert waren, daß Musterlösungen formuliert
und mit den Bankleistungen verglichen werden konnten.
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Getestet wurden 3 Musterfälle je 3 mal bei 12 Banken in den ausgesuchten Gründungsregionen Berlin, Hamburg, Köln und München. Dies ergibt eine
Summe von 108 Beratungsprozessen bundesweit. Die Testinstitute stammten zu gleichen Teilen aus den drei Institutsgruppen Geschäftsbanken, Sparkassen und
Genossenschaftsbanken
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Bewertet wurden die Beratungen in den Themenfeldern Service, Kreditzugang/Betreuung und Finanzierungsqualität. Auf diese Weise wurde der gesamte
Beratungsprozeß einbezogen, angefangen beim Umgang mit dem Gründer bis hin zur Angepaßtheit eines Finanzierungsangebotes an die Geschäftsidee.
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Bei 98 gewerteten Testversuchen (Definition: Hier konnte mindestens das Kriterium "Servicequalität" benotet werden, in 80 Fällen auch der "Kreditzugang")
wurden insgesamt 14 konkrete und akzeptable Kreditfinanzierungen angeboten. Im Fall 1 waren dies 8, in Fall 2 und 3 jeweils 3. Weitere 3 konkrete Angebote (alle Fall 3) waren nicht akzeptabel.
Zusätzlich bestand die gute Aussicht auf 2 weitere akzeptable Finanzierungen (Fall 2 und 3) sowie eine unzureichende (Fall 3).
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Unter den Institutsgruppen schlossen die Sparkassen am besten ab (2,95). Es folgen die Genossenschaftsbanken (3,32) vor den Geschäftsbanken (3,51).
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Im Einzelranking lassen sich drei Klassen ausmachen: Zunächst die Testsieger Stadtsparkasse München (2,35) und Hamburger Sparkasse
(2,43), bei denen durchweg akzeptable Beratungen geliefert wurden. In Klasse 2 finden sich Institute mit sehr uneinheitlichen Testergebnissen: Stadtsparkasse Köln (2,88),
Deutsche Bank (2,98), Kölner Bank von 1867 (3,04), Münchener Bank (3,30) und die Berliner Volksbank (3,44). Bei der dritten Klasse schließlich
bildeten schlechte Beratungen die Mehrzahl, auch wenn selbst hier vereinzelt gute Beratungen vorkamen: Dresdner Bank (3,52), Hamburger Bank von 1861 (3,65),
Vereinsbank/Hypo-Bank (3,89), die Berliner Sparkasse (3,92) und schließlich der Testverlierer, die Commerzbank (3,93).
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Institute, die die Existenzgründungsberatung in speziellen Gründerzentren konzentrieren, kamen auf wesentlich bessere Ergebnisse. Kein Zufall dürfte
es sein, daß auch die Testsieger nach diesem Konzept strukturiert sind.
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Die These "Kleine Kreditsummen sind besser bei Sparkassen oder Genossenschaften aufgehoben" konnte in diesem Test ebenso wenig belegt werden wie
"High-Tech-Gründungen sind besser über Geschäftsbanken abzuwickeln". Alle Musterfälle wurden in allen Institutsgruppen finanziert.
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Über alle Institutsformen hinweg schneiden die getesteten Banken in der Servicenote am besten ab (2,95). Der Kreditzugang erreichte im Durchschnitt eine 3,58,
die Finanzierungsqualität eine 3,12. Die durchschnittliche Gesamtnote aller Tests lag bei 3,40. Als "Flaschenhals" in der Existenzgründungsberatung erwies sich damit der
Kreditzugang. Nur in 61% aller Versuche kam es überhaupt zu einer Beratung. In allen drei Musterfällen fielen die Noten für die Finanzierungsqualität besser aus als
diejenigen für den Zugang. Die Ursachen liegen in einer teilweise chaotischen Prozeßorganisation und schweren Beratungs- und Betreuungsmängeln. Auffällig war auch die hohe
Zahl unzulänglich oder gar nicht begründeter Absagen (67%). Angesichts der Tatsache, daß existente Gründungen nachgestellt wurden, muß das Ergebnis in der
Kreditzugangsquote insgesamt als negativ gewertet werden.
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Fall 1 wurde trotz niedriger Finanzierungssumme (30-40 TDM) mit 42% überraschenderweise am häufigsten finanziert. Fall 2 (Finanzierungssumme 140-180 TDM)
wurde nur in 10% aller Versuche finanziert. Fall 3 (200-250 TDM) brachte es auf 12 Prozent, wobei hier mit 52% die höchste Quote aller Anfragen nach 8 Wochen Testzeit noch nicht
entschieden war.
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Die häufigsten Mängel in der Finanzierungskonstruktion waren ein unterschätzter Liquiditätsbedarf sowie die fehlende Fristenkongruenz der
eingesetzten Instrumente.
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Öffentliche Mittel wurden nur in 25% aller Fälle selbständig vorgeschlagen und dann auch meist akzeptabel einbezogen. In 37% wurde eine Einbeziehung
abgelehnt. Häufigste Begründungen: "Kreditsumme zu gering", "Zu aufwendig", "Paßt nicht auf diesen Fall" - alle nicht stichhaltig.
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In 69% der Fälle wurden öffentliche Bürgschaften zur Bedingung für die Kreditzusage gemacht. Daneben wurden in 41% Elternbürgschaften
verlangt, von denen fast die Hälfte (48%) unlimitiert sein sollten. Letzteres verwundert vor dem Hintergrund, daß nach der jüngeren BGH-Rechtsprechung unlimitierte
Bürgschaften nur noch dann zulässig sind, wenn die Bürgen eine aktive Rolle in dem Unternehmen spielen – was hier nicht der Fall war.
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Es gab signifikante Abweichungen der Ergebnisse in den Testregionen. So sind die Chancen auf einen Kredit in München am höchsten, dicht gefolgt von
Köln und Hamburg. Erst mit großem Abstand folgt Berlin: Nach 8 Wochen lag keine einzige Kreditzusage vor. Ähnlich wie der Kreditzugang war auch die Finanzierungsqualität
signifikant schlechter – insbesondere in Ost-Berlin. Da davon ausgegangen werden muß, daß eine Existenzgründung in Berlin immer noch höhere Chancen hat als in der
Fläche der Neuen Bundesländer, kann dies nur als schwerwiegende Hürde für das Projekt Aufbau Ost interpretiert werden. Selbst eine Argumentation, daß die
wirtschaftliche Situation vor Ort schlechter ist als im Westen, greift hier nicht: Die Musterfälle sind alle mit überregionalen Vertriebskonzepten konzipiert – regionale
Kaufkraftnachteile spielen somit keine Rolle für ihren Erfolg.
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Insgesamt können keine einheitlichen Standards in der Existenzgründungsberatung festgestellt werden. Dies beginnt beim Umgang mit Informationsmaterial und
Checklisten, der sogar in Filialen des gleichen Instituts höchst unterschiedlich ausfiel, und endet bei der Einbeziehung öffentlicher Förderprogramme in die
Finanzierungskonstruktion. Vor allem der Prozeß der Kreditentscheidung selbst ist stark uneinheitlich und häufig intransparent. Dieses Ergebnis erinnert an die
Beratungsqualitätsstudie von 1995, die das IFF ebenfalls für den "Stern" anfertigte.
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Nach den Ergebnissen dieser Studie erscheint dennoch eine generelle Bankenschelte als wenig hilfreich. Es gab durchaus hervorragende Beratungen, wobei hier
augenscheinlich eine Korrelation mit der Spezialisierung besteht. Dies legt wiederum den Schluß nahe, daß Gründern der Zugang zum Kredit häufig auf Kostengründen
verwehrt ist. Im Test führte dies jedoch zu dem Ergebnis, daß Beratungsprozesse teilweise 2 Stunden dauerten und im Ergebnis dennoch mangelhaft waren, weil der Berater zu wenig
spezialisiert/kompetent oder der Prozeß unzulänglich strukturiert war.
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In der Gesamtschau läßt sich das Abschneiden der einzelnen Institute folgendermaßen bewerten: Während beim Großteil der getesteten
Institute augenscheinlich Qualitätssicherungsprobleme vorliegen, sind die Mängel bei den Verlierern grundsätzlicherer Natur, da durchgängig feststellbar.
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Konsequenzen aus dem Studienergebnis: Im Sinne des Aufbau Ost sollten Entscheidungsträger in der Wirtschaftspolitik zu allererst ihre
Einflußmöglichkeiten auf die Kreditpolitik der Banken in Ostdeutschland überdenken. Diese vergeben, wie hier nachgewiesen, bei gleicher Geschäfts- und
Gründerqualifikation Kredite weit zögernder als westdeutsche Institute, oder sogar überhaupt nicht. Das Problem verstärkt sich mit der spezifischen deutschen
Fördermethodik, in der die Hausbanken die Schlüsselstellung innehaben. Weiterhin sollte nachgedacht werden, für Kleinunternehmen spezielle Anlaufstellen für Probleme und
Beschwerden zu schaffen, da hier Verbraucherzentralen und Aufsichtsämter nicht zuständig sind. Hier kann ein Blick nach Großbritannien helfen: Die britische Regierung hat 1993
einen Ombudsmann für Kleinunternehmen geschaffen, bei dem 1997 etwa 2.600 Anrufe und 1.600 Briefe von Kleinunternehmen ankamen. Außerdem erhielt die Bank of England 1993
einen Sonderauftrag, das gestörte Verhältnis Bank – Kleinunternehmen strukturell zu verbessern, den sie mit Erfolg wahrnimmt.
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Eine Bündelung von Einzelproblemen würde auch den deutschen Banken helfen, mehr Kundenorientierung und Qualitätssicherung in dem schwierigen
Marktsegment der Existenzgründung zu installieren. Der Prozeß und die Kreditkriterien sind noch zu intransparent, der Dienstleistungsgedanke unzureichend verankert, die Berater zum
Teil nicht genügend qualifiziert und verunsichert durch unklare interne Regelungen für Kredite an Gründer. Auch die Rentabilität könnte durch effizientere und
einfachere Abläufe verbessert werden. Insbesondere die britischen Großbanken haben hier in den letzten fünf Jahren viele Innovationen umgesetzt und so die deutschen Institute,
einst Vorbilder für die Finanzierung kleiner Unternehmen, überholt.
Kontakt: info@iff-hamburg.de
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